Rede des Bürgermeisters und der Ortsvorsteher zum Volkstrauertag 2021

 

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

verehrte Anwesende,

 

Am heutigen Volkstrauertag gedenken wir der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft aller Völker und Nationen. Dieses Gedenken an die beiden großen Kriege des 20. Jahrhunderts und ihre zahllosen Opfer ist in Europa zur Tradition geworden, mehr noch, zu einer humanitären Verpflichtung, der wir uns nicht entziehen dürfen.

 

Es handelt sich nicht um leere Rituale, die in Sonntagsreden abgefertigt werden, sondern um einen integralen Bestandteil unseres Lebens, unseres Seins, denn erst das gelebte Bekenntnis zur Vergangenheit macht uns zu dem, was wir sind. Das gilt auch und vor allem für die dunklen Seiten der Geschichte. Wir können sie nicht abstreifen und vergessen oder gar verdrängen – das würde bedeuten, unsere eigenen Wurzeln abzuschneiden.

 

Es gibt in Europa zahllose Stätten, die an die Grausamkeit und Zerstörung der Kriege erinnern, an blutige Schlachten, aber auch an den Holocaust und die Verbrechen an Kriegsgefangenen und Angehörigen von Minderheiten. Viele dieser Erinnerungsorte sind längst aus unseren Blicken verschwunden, sie sind gleichsam versunken in scheinbar unschuldigen Landschaften wie Ruinen vergangener Zeiten.

 

Oft sollten diese Örtlichkeiten ganz bewusst zum Verschwinden gebracht werden. Nicht geachtet werden sollten der Ermordeten, der Juden, Sinti und Roma, der Widerstandskämpfer und der zahlreichen anderen Opfer, sie sollten anonym und gesichtslos aus der Erinnerung getilgt werden.

 

Umso wichtiger ist es, in Gedenkfeiern nicht nur an die gefallenen Soldaten der ehemaligen Kriegsgegner zu erinnern, sondern auch an die Menschen, die jahrelang an den Rand gedrängt und verschwiegen wurden. Das machte und macht das schmutzige Gesicht des Krieges aus.

 

Die Sprache der Verachtung und des Hasses, der Abgrenzung gegenüber dem Anderen ist trotz aller schlimmer Erfahrungen aus der Vergangenheit keineswegs verstummt, im Gegenteil, sie scheint heute erneut an Überzeugungskraft zu gewinnen, wie ein Blick auf die politische Landkarte Europas zeigt. Es ist besorgniserregend, dass wir aus den Katastrophen der Vergangenheit offenbar so wenig gelernt haben.

 

Kämpfen wir tatsächlich gegen Windmühlen? Manchmal könnte man es meinen. Doch Pessimismus und Resignation sind keine guten Ratgeber. Wir dürfen nicht verzagen und müssen alle unsere Kräfte aufbieten, um uns dem Vergessen und Verdrängen entgegenzustemmen und auf diese Weise die liberale Demokratie vor Schaden zu bewahren. Die Vergangenheit hat uns gelehrt, wie schnell es geht, die Demokratie für obsolet zu erklären und am Ende ganz abzuschaffen.

 

Das dürfen wir nicht zu lassen. Gedenken spielt dabei eine wichtige Rolle, denn es schärft unseren Blick und unsere Sinne, es ist ein Warnruf, ein immer neuer Anstoß, uns der Vergangenheit zu stellen und sie lebendig zu halten. Das sind wir den Opfern schuldig, aber auch uns selbst und unseren Nachkommen, die im wachen Wissen um die Geschichte aufwachsen mögen. Deshalb gedenken wir heute allen Opfern mit dem Sprechen des traditionellen Totengedenken:

 

Wir denken heute an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.

 

Wir gedenken der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.

 

Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden, Teil einer Minderheit waren oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde.

 

Wir gedenken derer, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben, und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten.

 

Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die Bundeswehrsoldaten und anderer Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren.

 

Wir gedenken heute auch derer, die bei uns durch Hass und Gewalt gegen Fremde und Schwache Opfer geworden sind. Wir trauern mit allen, die Leid tragen um die Toten und teilen ihren Schmerz.

 

Aber unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern, und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der ganzen Welt.

 

Ich danke Ihnen, dass Sie heute am Volkstrauertag trotz der für uns alle belastenden Corona-Pandemie gekommen sind, um gemeinsam mit mir, der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, aber auch der Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung zu gedenken.

 

Abschließend möchte ich mich bei allen Beteiligten für die würdige Mitgestaltung dieser Gedenkfeier bedanken.

 

Ich wünsche uns Frieden, Versöhnung und Verständigung.

Vielen Dank!